November 2012: Nach elf Jahren das erste Kind in der Babyklappe

Babyklappe

In einem kleinen Park zwischen dem Kloster Azlburg, der Südseite des Klinikums und dem Hubschrauberlandeplatz findet sich die Babyklappe des Klinikums St. Elisabeth. Seit elf Jahren gibt es sie. Donnerstags, gegen 3 Uhr in der Nacht, wurde sie zum ersten Mal benutzt. Die Schwester der Kinderstation fand nach der Alarmierung ein neugeborenes gesundes Mädchen. Die Entscheidung der unbekannten Mutter war mutig und verantwortungsvoll, darin sind sich Jugendamt und Krankenhaus einig.
 
Schwester Michaela Bauer, Pflegedirektorin des Klinikums, erklärt die Funktion der Babyklappe. Seit ihrer Mitarbeit in der Projektgruppe, die die Klappe 2001 gestartet hat, betreut sie und die Kinderstation die Einrichtung, die es ermöglicht in äußersten Notsituationen sein Neugeborenes anonym „in gute Hände" abgeben zu können. Hinter der Tür der Babyklappe findet sich ein Bett, das mit Decken, Federbett und sogar mit Ersatzwindel bestens ausgestattet ist. Ein Hinweiszettel, auf der die Mutter, wenn sie will, den Vornamen des Kindes und seinen Geburtstag eintragen kann, liegt mit Stift bereit. Auch ein Erkennungszeichen, das die Mutter mitnehmen kann, um sich eventuell später wieder melden zu können, findet sich darin.


Namenloses gesundes Mädchen und kein Brief
 

Liegt ein Neugeborenes in der Babyklappe und schließt die Mutter die Tür, wird diese verriegelt. Gleichzeitig geht mit dem Schließen der Klappe ein Alarmzeichen auf der Kinderstation los. Nach zwei bis drei Minuten ist eine Krankenschwester bei der Babyklappe und kümmert sich um das Kind. Die Zeit ist auch dafür da, dass sich die Mutter, die unerkannt bleiben will, entfernen kann.
 
So lief es auch bei dem kleinen Mädchen am Donnerstag. Allerdings verzichtete die Mutter darauf, einen Namen oder einen Brief zu hinterlassen. Die Krankenschwestern gaben dem Kind einen Vornamen, Ärzte untersuchten das Mädchen. Das Jugendamt, das umgehend verständigt wurde, nahm sich der ersten Schritte an, das Kind rechtlich zu betreuen. Bei Schwester Michaela läutet nämlich bereits das Telefon. Einige kinderlose Paare, die sich als Adoptionseltern um das Kind kümmern wollen, haben sich schon gemeldet. So schnell geht das aber nicht, es gibt beim Jugendamt sogar eine Warteliste.
 
Etliche Bewerber für eine Adoption


Markus Wimmer vom Jugendamt erklärt, dass sein Amt nach einem Antrag beim Familiengericht nun die Vormundschaft für das Baby übernommen hat. Das gesunde Mädchen wird übergangsweise zu einer Pflegefamilie kommen. Für solche Fälle, „in etwa die gleiche Situation wie eine Inobhutnahme", stehen verschiedene Bereitschaftseltern zur Verfügung, erklärt Wimmer. Der Gesetzgeber erlaubt eine Adoption bei Neugeborenen frühestens nach acht Wochen. Solange hat auch die leibliche Mutter Zeit, ihre Entscheidung zu überdenken und sich beim Jugendamt zu melden.
 
„Wie jedes Jugendamt haben wir etliche Bewerber für ein Kind", erklärt der Leiter für Soziale Dienste. Etwa 17 Paare in Stadt und Landkreis würden gerne ein Kind adoptieren. Hier wird aber für das Wohl des Kindes immer „mit einem ausführlichen Verfahren auf Herz und Nieren geprüft", wer dafür geeignet ist. Das Jugendamt ist nicht dafür da, Eltern ein Kind zu besorgen, sondern sich um das Wohl des Kindes zu kümmern, macht Wimmer die Situation klar.
 
Keine gesicherten Zahlen über Babyklappen
 

Ist eine geeignete Familie gefunden, wird ein Kind zur Adoptionspflege anvertraut. Das heißt, das Jugendamt schaut noch ein gewisse Zeit vorbei, ob alles passt. Erst dann kann das Kind adoptiert werden und rechtlich erlischt das Verwandtschaftsverhältnis zu den leiblichen Eltern. Das ist die Möglichkeit der Inkognito-Adoption, bei der die Adoptiveltern die leiblichen nicht kennenlernen. Dies passiert in Straubing „im Schnitt nur einmal, maximal zweimal im Jahr".
 
Öfters kommt es zur offenen Adoption, bei der zum Beispiel der neue Ehemann das Kind aus der ersten gescheiterten Beziehung als neuer Vater annimmt und jeder alle Beteiligten kennt.
 
Rund 80 Babyklappen gibt es in Deutschland. 1999 wurde die erste in Hamburg eingerichtet. Genaue Statistiken, wie viele Kinder seitdem oder jährlich anonym Deutschlandweit abgegeben werden gibt es nicht. Die Zahl von rund 200 bis 300 Kindern, die bundesweit in den vergangenen zehn Jahren in Babyklappen ausgesetzt wurden, kristallisiert sich in etwa heraus. Die Zahl von Säuglingen, die aus Verzweiflung nach der Geburt getötet werden, liegt anscheinend darüber.
 
Das Bayerische Familienministerium informiert auf Nachfrage: „Der Freistaat Bayern betreibt selbst keine Babyklappen. Für die Betreiber von Babyklappen besteht keine Meldepflicht. Daher liegen dem Bayerischen Familienministerium keine gesicherten Daten zur Anzahl der Babyklappen in Bayern vor. Bekannt sind dem Bayerischen Familienministerium gegenwärtig 14 Babyklappen in Bayern."
 
Alternative zur Babyklappe: Anonyme Geburt
 

Der Nutzen von Babyklappen wird seit ihrer Einführung kontrovers diskutiert. Zum Beispiel hat jeder Mensch das Grundrecht, das auch bei der UN verankert ist, seine Abstammung zu kennen. Kritiker befürchten auch, dass sie zu versteckten und damit gefährlichen Geburten Zuhause verführen.
 
Der Verein Donum Vitae bietet daher das Moses-Projekt an, bei dem Frauen anonym, aber mit ärztlicher Begleitung entbinden können. Damit werde das Leben und Gesundheit von Mutter und Kind optimal geschützt.
 
In welcher „extremen Notsituation" sich die Mutter des Straubinger Findelkinds befunden hat, darüber kann man nur spekulieren, erklärt Schwester Michaela, auch darüber, ob die Mutter aus der Region stammt oder von weiter weg und über viele andere Dinge. Die Pflegedienstleiterin ist aber froh, dass die Mutter den Weg zur Babyklappe gefunden hat, die einst eingerichtet wurde, nachdem ein neugeborenes Mädchen in einer Telefonzelle in Ittling ausgesetzt wurde, dem es bei einen Adoptiveltern seit Jahren sehr gut gehe. Schwester Michaela betont daher: „Die Babyklappe ist eine Einrichtung, die einem Kind das Leben retten kann."

 

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Informationen zur Babyklappe des Klinikums St. Elisabeth finden sich auf der Homepage
www.klinikumstraubing.de/Babyklappe.n100.html
 
Informationen zum Moses-Projekt von Donum Vitae, das eine anonyme aber medizinisch begleitende Geburt ermöglicht, finden sich unter
www.moses-projekt.de
 


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