"Kinder kommen auf die Welt, wann sie wollen"

Der Tagesablauf von Hebammen und Kinderkrankenschwestern ist voller Überraschungen

Elke Schönhofer und Birgit Griesbauer arbeiten im Krankenhaus. Stellt man sich ihr Arbeitsumfeld aber farblos und steril vor, ist man definitiv auf dem falschen Dampfer. Hebamme Birgit Griesbauer hilft werdenden Müttern bei der Geburt, danach kümmert sich Kinderkrankenschwester Elke Schönhofer um die erschöpften, aber selig lächelnden Frauen und ihre Neugeborenen. „Die jungen Familien sollen sich bei uns wohl fühlen", erklärt sie die quietschbunten Wände der Station 22.
 

„Geburtshilfe ist ein unberechenbares Geschäft", meint Hebamme Birgit Griesbauer mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. „Kinder kommen auf die Welt, wann sie wollen und nicht, wann es am besten in unseren Zeitplan passt." Sie blickt auf 26 Jahre Berufserfahrung zurück und erlebt dennoch immer wieder Überraschungen. „Mich kann nichts mehr verwundern." Im neu eingerichteten Frühstückszimmer der Neugeborenenstation erzählt Birgit Griesbauer von solchen besonderen Erlebnissen. „Ein- bis zweimal im Jahr kommen Frauen aus der Notaufnahme zu uns, die angeblich nicht wussten, dass sie schwanger sind." Diese Frauen gehen mit einfachen Bauchschmerzen in die Klinik und verlassen sie schließlich als Mütter mit einem Säugling im Arm.
 

Die Wände des geräumigen Zimmers sind knallpink gestrichen, Stühle in allen erdenklichen Farben stehen um den großen, flippig gemusterten Tisch in der Mitte des Raumes. Grüne Lampenschirme spenden Licht, ein knallrotes Sofa und ein großes Schmetterlingsbild machen die Ausstattung komplett. „Es ist uns wichtig, dass sich die jungen Mütter nicht in ihren Zimmern verkriechen, sondern Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen", erklärt Kinderkrankenschwester Elke Schönhofer. Drei bis fünf Tage bleiben Frau und Kind im Normalfall auf der Station. 
 

Die beiden Frauen arbeiten Hand in Hand, dennoch sind ihre Berufe völlig unterschiedlich. „Ich mache sowohl Geburtsvorbereitungskurse und Schwangerschaftsgymnastik, als auch bis zu 16 Hausbesuche nach der Geburt", beschreibt die Hebamme. Dazu komme, dass die Arbeitszeit auf zweimal Zwölf-Stunden-Schichten aufgeteilt ist und eine zweite Hebamme immer in 24-Stunden-Rufbereitschaft steht. Ist Not an der Frau, muss sie innerhalb einer halben Stunde im Kreißsaal bereitstehen. Das sei teilweise sehr stressig, aber Birgit Griesbauer kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. Kinderkrankenschwestern arbeiten im Drei-Schicht-System und haben im Vergleich zu Hebammen einen relativ geregelten und straff durchorganisierten Arbeitstag. Mutter und Kind müssen versorgt werden. Außerdem haben „Erstgebärende einen Haufen Fragen", lacht Elke Schönhofer. Füttern, Wickeln, Anziehen. Alles muss geübt werden. „Wenn die Familie nach ein paar Tagen das Krankenhaus verlässt, soll sie sich im Umgang mit dem Kind sicher fühlen." Ein Limit, wie viele Säuglinge man gleichzeitig auf der Station betreuen kann, gebe es nicht. „Das ist alles eine Frage der Organisation", sagt Elke Schönhofer. „Alles ist möglich." In Stresssituationen helfe ihr aber auch die 16-jährige Erfahrung, gelassen zu bleiben.
 

Der angrenzende Raum ist das Stillzimmer. Dorthin können sich die jungen Mütter zurückziehen, wenn sie ungestört sein wollen. Weinrote Sofas, viele Kissen mit Blumenmuster, bunt gestreifte Vorhänge und das weiche Licht zweier Leselampen geben dem Raum eine kuschelige Atmosphäre. Studien haben ergeben, dass die ersten Stunden nach der Geburt enorm wichtig für die Mutter-Kind-Bindung sind. Deshalb sind die Neugeborenen von Beginn an im Zimmer der Mutter. Trotzdem könne man die Kinder in der Nacht abgeben, wenn man dies wünscht.


Dieser Dienst wird öfter in der Nacht vor der Entlassung aus der Klinik in Anspruch genommen. „Dann können die Mütter noch einmal ausschlafen und erholt nach Hause gehen." Der kleine Elias ist eines der fünf am Wochenende geborenen Kinder. Die warmen Hände von Elke Schönhofer, die ihn langsam aus seinem Bettchen heben, scheinen ihn nicht zu stören. Behutsam wird er in den Schoß der stolzen Oma gelegt. Die Kinderkrankenschwester bettet ihn auf einen großen braunen Stoffigel, die winzigen Finger des Säuglings schließen sich um den Daumen der strahlenden Frau. Auch dieses Zimmer ist frisch in hellen Lila- und Brauntönen gestrichen. In der Station mit der Nummer 22 erinnert fast alles mehr an das heimische Wohnzimmer als an ein tristes Krankenbett. 
 

Die Entbindungsräume sind im Irrgarten der endlosen Krankenhausgänge bei weitem am leichtesten zu finden. Der Wegweiser zu dieser Station sticht mit greller roter Schrift heraus. „Die Wehen kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die werdenden Eltern befinden sich in einer außergewöhnlichen Situation", erklärt Elke Schönhofer. Der Kreißsaal müsse trotz Aufregung schnell auffindbar sein. Leise surrend schwingt die Doppeltür auf und gibt die Sicht auf einen weiteren Gang frei. Die Wände sind mit großen Plakaten verziert. Sie zeigen Dutzende zahnlose Münder, kleine Stupsnasen und rießige, strahlend blaue Augen. Drei Entbindungsräume stehen im Klinikum St. Elisabeth zur Verfügung. In jedem steht ein Stationsbett sowie ein Entbindungsbett. Auch Gebärhocker und eine azurblaue Wanne für Wassergeburten stehen zur Auswahl. Wieder sind alle Zimmer von den Bettlaken bis hin zu den von der Decke hängenden Mobile farbenfroh gestaltet. Bevor die Hebamme mit der ersten Untersuchung des Neugeborenen beginnt, wird es auf den Bauch der Mutter gelegt. „Das ist auch für mich immer ein rührender Moment. Auch nach 26 Jahren im Beruf fällt da ein Stein vom Herzen." Bei der U1 wird das Kind „von Kopf bis Fuß genau inspiziert", erklärt Birgit Griesbauer. Dies fange beim Messen und Wiegen an und ende beim Zählen der Finger.

In jedem Zimmer hängt ein Überwachungsmonitor, „damit wir die Herztöne des noch ungeborenen Kindes und die Wehenstärke auf einen Blick erfassen können." In einem leuchtend orange gefliesten Badezimmer können sich die Frauen vor der Geburt entspannen. „Ein Bad im warmen Wasser bei gedimmtem Licht und Kerzenschein ist immer angenehm", meint die Hebamme.
 

Beide Frauen haben keine eigenen Kinder. Dies liege jedoch nicht daran, dass sie am Feierabend ihre Ruhe haben wollen. „Es hat sich einfach nicht ergeben." Die Freudentränen einer jungen Mutter hat Birgit Griesbauer bei der Entbindung ihrer acht Neffen und Nichten vergossen. „Da blieb auch bei mir kein Auge trocken."

  

  

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